Einmal durch die Hölle und zurück - Teil 2

Einmal durch die Hölle und zurück - Teil 2 ...

In Woche 2 drehen meine Therapeuten richtig auf und in Sachen Training lerne ich ganz neue Abgründe kennen. High Intensity Training! Platt formuliert sorgt dieser Mix aus Kraft- und Ausdauertraining dafür, dass mir ordentlich die Pumpe geht und ich bis zur absoluten Erschöpfung über meine Grenzen gehe. Liegestütze, Sit-Ups, Bankdrücken, Hanteltraining und immer wieder LAUFEN! Laufen im Gebäude, Laufen im Lokomat, auf dem Laufband und über kleine Hindernisse hinweg… Deine Beine tun weh? Du kannst nicht mehr? Gut, dann machen wir zwischendurch noch was für die Arme – Solange können deine Beine ausruhen – dann laufen wir weiter. Das ist alles was ich an Gnade erfahre. Manche Laufrunden bekomme ich nur wie durch einen Tunnel mit, mein Körper funktioniert, scheinbar ohne, dass ich Einfluss darauf habe. An einigen Tagen liege ich am Ende in irgendeiner Ecke und habe fest vor einfach dort zu bleiben…

 

 

Ich genieße diese Momente in denen absolut nichts mehr geht. Dafür bin ich hier, das ist es was ich wollte – nur so komme ich weiter! Meine Tage bestehen aus Training, essen, schlafen. Darüber hinaus bin ich zu absolut nichts mehr in der Lage.

Nicht mit jedem Patienten wäre ein so hartes Training möglich. Dadurch, dass wir Thomas schon kennen, wussten wir inwieweit wir ihn fordern konnten. Demnach haben unsere Therapeuten auch nichts anbrennen lassen. Schließlich wollte er seine Ziele in diesen 5 Wochen erreichen.

Wie auch in der letzten Fokustherapie sind die klassischen Physiotherapie-Einheiten ein Hafen der Ruhe und Hoffnung. Zwar werde ich auch hier gedehnt bis an die Schmerzgrenze, aber gleichzeitig werden meine geschundenen Beine und Füße immer wieder fit gemacht um noch einen weiteren Tag zu überstehen.

Es finden auch in dieser Runde der Fokustherapie wieder vereinzelt Physiotherapeutische Einheiten statt. Im Vordergrund steht bei Thomas, wie auch bei der vergangenen Fokustherapie, die Beweglichkeit. Vor allem der Sprunggelenke.

Woche 3 und 4 laufen nach den selben Mustern ab. Die schlimmsten Momente erlebe ich noch immer während des Laufens. Die Momente, wenn mein Therapeut weit genug weg ist um mich in Angst zu versetzen, wenn meine Beine sich keinen Millimeter vom Boden heben und ich gegen mich selbst, meine Ängste und meine körperlichen Grenzen Kämpfe. Es ist zum Durchdrehen! Ich schaffe bestimmte Strecken mittlerweile sicher und ohne Gehilfen. Sobald mein Therapeut aber auch nur einen Schritt weiter von mir entfernt steht als üblich, oder sich die Gegebenheiten minimal ändern, bin ich wie festgeklebt und schaffe nicht auch nur einen Schritt – Eine schwarze Masse baut sich vor mir auf und mein Kopf sagt „DAS GEHT NICHT“. Mein Therapeut denkt sich immer wieder neue Metaphern aus, um mich zu motivieren – Was in seltenen Momenten kurz gelingt.

Genau hierfür waren die Mediationseinheiten gedacht. Die eigenen Mauern, die man sich selbst aufbaut, sind die schwierigsten zu erklimmen. Man erschafft sich selbst unüberwindliche Hindernisse, die aus dem noch so kleinsten Gedankenmoment entstehen.
Mediation setzt hier an und lässt einen solche Momente nochmals aus einer anderen Perspektive erfahren. Wir betrachten eine Stresssituation aus einem anderen Blickwinkel und stärken dadurch unsere Resilienz, auch Innere Stärke genannt. Nur so können wir unsere eigenen Mauern erklimmen und sie überwinden, um neue Schritte zu wagen.

Aber ich bin frustriert. Ich komme einfach nicht weiter und scheitere immer wieder an den selben Hürden. Ich bin wütend auf mich selbst…. Gegen Ende von Woche 4 bin ich wieder im Hof des Therapiezentrums. Wieder Laufen wir, wieder kämpfe ich gegen die Weite des Raums, meine inneren Ängste. Nach dem ich meinem Therapeuten in einiger Entfernung 5 Minuten gegenüberstehe und er will das ich nur einen einzigen Schritt auf Ihn zugehe, bricht es aus mir heraus:

 

 

„Verdammt Sch… ! Ich komme einfach nicht vorwärts. Was machen wir hier noch? Ich kann das nicht – diese Hürde ist einfach zu groß. Gerade will ich mich in Selbstmitleid ergehen, da schnappt sich mein Therapeut den Hocker „komm mit!“ ich traue mich nicht zu fragen wohin… Er stellt den Hocker mitten in den Eingang des Therapiezentrums und ich setze mich. „Steh auf!“ ich will zu einem Aber ansetzen „STEH AUF!“ ich gehorche wie in Trance – „und jetzt LAUF LOS!“ Ich setzte einen Fuß vor den anderen und stapfe durch das Innere des Therapiezentrums (im Vergleich zum Hof wirkt das hier mit all den Wänden fast beengt) und mein Therapeut ist immer nur wenige Schritte von mir entfernt. Ich laufe über Fußmatten und kleine Absätze, bei der ersten Kurve schramme ich kurz am Türrahmen vorbei… 1-2 mal muss ich mich an meinem Therapeuten abfangen… noch 10, noch 8, noch 3 Meter, irgendwann knalle ich an die Bürotüre am Ende des Therapiezentrums.

Mit einem Mal fällt der Groschen – All der Schmerz all die Überforderung hatte nur einen Zweck: Mich vor Herausforderungen zu stellen die übergroß sind, damit das eigentliche Therapieziel (siehe Teil 1) seine „Unschaffbarkeit“ verliert. Ich falle meinem Therapeuten erschöpft in die Arme und mir entfährt ein liebevolles „Du Penner – du hast es wieder geschafft.“

Manchmal bedarf es von einem Therapeuten mehr als nur ein wenig Hilfe bei Übungen. An gewissen Punkten braucht es auch Verständnis, Unterstützung und vor allem Motivation. Um hier die richtige Mischung zu finden, hilft es sehr, den Patienten zu kennen und zu wissen mit welchen Mitteln das Ziel erreicht werden kann.

In Woche 5 bauen wir diesen Erfolg mit allem was ich noch aufzubieten habe aus. Am Ende schaffe ich eine saubere Runde vom Eingang bis ans Ende des Therapiezentrums. Ohne Pause, ohne Stolpern ohne festhalten! Am Ende der 5. Woche steht ein abschließender Body Scan an, um herauszufinden, wie sich Gewicht und Körperwerte verändert haben. Ich rechne mit Einbußen, denn an den jeweiligen Samstagen habe ich mir die eine oder andere kleine Ausnahme gegönnt. Und tatsächlich habe ich auf der Waage nur knapp 2 Kilo verloren. Im Moment der Messung bin ich enttäuscht und realisiere nicht, dass sich in der gleichen Zeit mein BMI auf 26 verbessert hat und sich auch das Muskel Fett Verhältnis insgesamt positiv verändert hat – Für diese Erkenntnis werde ich noch ein paar Tage brauchen.

Der Body Scan steht uns als weiteres Assessment in unserem Therapiezentrum zur Verfügung. Hierdurch bekommen wir einen kleinen Einblick in die Welt der Energieaufteilung innerhalb des Körpers. Wir erfahren einen Hauch an Informationen aus welcher Zusammensetzung der Körper besteht.

Für Thomas war es genau das richtige, um ihn im Bereich der Ernährung weiterhin zu motivieren. Seine Umsetzung des gelernten Wissens war bemerkenswert. Vor allem voran sein Durchhaltevermögen. Um ihn weiter am Ball zu halten, war es sehr wichtig ihm aufzuzeigen was sich in seinem Körper alles verändert und wie.

 

Es ist Samstag der 03. Juli und ich bin wieder Zuhause – Mein Körper ist ein einziger schmerzender Klumpen Fleisch. Mit meiner Frau sitze ich für ein zweisames Abendessen auf der Terrasse, wir haben uns in den 5 Wochen nur ganze 2 Mal gesehen… Es tut gut wieder Zuhause zu sein.

Mit meinem Rollstuhl räume ich einige Dinge in unserem Terrassen-Kühlschrank ein. Als ich mich umdrehe sitzt sie etwa 8 Meter von mir entfernt, rechts unser langer Terrassentisch, links die Hauswand, dazwischen gerade Strecke… Nicht unmöglich – denke ich. Als könnte Sie meine Gedanken lesen, breitet sie im Sitzen Ihre Arme aus und strahlt mich an. Ich erhebe mich. Ich fühle mich sicher, keine Angst kein Zögern, mein Ziel fest im Blick.

Zum ersten Mal in 14 Jahren laufe ich meiner Frau in die Arme, ohne Krücken! Ich bin glücklich…

Es war uns wieder, mehr als eine Freude ihm bei diesem weiteren Meilenstein in seinem Leben begleiten zu dürfen. Auch wir sind mit ihm und durch ihn im Team gewachsen. Zu sehen wie er sich durch diese weitere Fokustherapie gekämpft hat und ein weiteres Mal alle Erwartungen wahrhaftig gesprengt hat ist atemberaubend. Thomas ist ein heller Stern an Motivation für jeden einzelnen von uns im Zentrum. Er inspiriert und motiviert sogar andere Patienten wieder Mut und Hoffnung zu fassen, egal wie schlimm es auch sein mag.

Zurück